Alte Sitten und Gebräuche von Bobenhausen

Fastnacht und der "Erbesbär"

Brauchtum und Feste.

 

Fester Bestandteil des Dorflebens sind die von unterschiedlichen Organisationen ausgerichteten Festlichkeiten.

Viele dieser Feste haben eine sehr lange Tradition und werden heute noch gefeiert, es gibt aber auch solche, die in Vergessenheit geraten sind.

Auch so mancher alter Brauch ging im Laufe der Zeit verloren und ist heute kaum noch jemand bekannt.

 

Wir wollen Ihnen hier diese Feste, Sitten und Gebräuche aus dem Bobenhäuser Dorfleben vorstellen.

Zu diesen Geschichten hat Hans-Heinrich Zimmermann, aus dessen Buch „Bobenhausen“ die meisten Geschichten stammen,  ein sehr sinnvolles Zitat verfasst:

 

Lasst die wenigen Wurzeln unseres Baumes, den man die Heimat heißt, nicht auch noch verdorren, sonst werden wir bald schon keine Heimat mehr haben".

 

Die Geschichten im Überblick:

 

Das "Fläschmennche "Hemmen" ein Hochzeitsbrauch Der Petrimarkt - "De Pirreschmad"
De "Pfingstmad" Ostern Fastnacht und Erbesbär
Die Kirmes Fruchtbarkeitstanz Der Brotaufstrich "Hoink"
Die Spinnstube "Aus den Wochen gehen" "Die Lange Nacht"

 

                           Das „Fäschmennche“

 

Früher wurde im Winter so ziemlich jeden Tag im Dorf ein Schwein geschlachtet. Das nahm man in der Spinnstube zu Anlass, ein „Fäschmennche“ herzurichten.

 

Ein junger Mann wurde verkleidet und mit einem dicken Knüttel (Knüppel oder Keule) ausgerüstet. Seine Begleiter trugen die Schüssel und Kannen. So ging man oft unter Höllenlärm zum Haus in dem gerade das Schlachtessen im Gange war. Unter johlen und jauchzen polterte die Gesellschaft zur Tür herein und ließ einen Spruch vom Leder:

 

„Ich hab gehört, ihr hätt´ geschlacht und hätt so lange Woscht gemacht. Gebt mir eine von den Lange, die Kurze die lässt hange“.

 

Mit gut gefüllten Schüsseln und Kannen gings meist in die Spinnstube zurück, wo es fröhlich verzehrt wurde.

                           De Pfingstmad

 

Der „Pfingstmarkt“ fand früher im Oberdorf statt. Von dort, wo die Strasse nach Ulrichstein abzweigt, reihten sich die Stände bis weit die Strasse hoch Richtung Kölzenhain.

 

Zum Tanz traf man sich bei Kellersch und vor der Scheune von Bachmerkels stand ein Zelt in dem es Getränke gab.

Kirmes bei "Bärsch" 1932

      Die Kirmes

 

Vor dem aufstellen des Kirmesbaumes wurde die von den ledigen Mädchen erbetenen „Schlipp“ (Schlaufen) am Baum angebracht. Diese wurden nach der Kirmes (Tag der Kirchweihe) meistbietend versteigert.

Mädchen die sich irgendwie unbeliebt gemacht hatten, kamen, wenn ihre Schleifen nicht ersteigert wurden, in den „Pferch“.

In der Maiennacht (Pfingstnacht) bekamen sie dann keine Maie ans Haus genagelt, sondern einen Dornbusch, oder einen „Stumpen“ ( abgenutzter Reisigbesen) auf den Mist gesteckt.

Bevor es los ging mit der Kirmes, musste sie erst einmal ausgegraben werden. Dazu fungierte ein Bursche mit einer Kitze (Tragevorrichtung meist aus Weide geflochten, die wie ein Rucksack auf dem Rücken getragen wurde), in der er Hacke und Schippe hatte, um die Kirmes auszubuddeln zu können. Diese wurde natürlich vorher in Form einer Flasche Schnaps eingegraben.

Unter dem Jubel der großen und kleinen Dorfbewohner und den Klängen der Kirmesmusikanten, ging es dann zum Tanzboden. Die Kirmes ging über mehrere Tage. Die Verwandtschaft wurde eingeladen und mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Auch kauften sich viele Mädchen für diesen Anlass extra ein Kirmeskleid.

War die Kirmes zu Ende, wurde sie wieder begraben. Unter lautem Heulen und Jammern trug sie der „Kitzemann“ zu Grabe. Eine „Grabrede“ wurde dazu auch gehalten. Nun durfte die „Kirmes“ bis zum nächsten Jahr in der Erde ruhen.

Spinnstube in Bobenhausen. Hintere Reihe: Jane Erika, Lindewoasch Marie, Balesch Guste, Glasnesch Tilli, Linde Marie. Vorder Reihe: Woarches Katharina, Fritze Lina, Klose Anna (Vornewegspinnerin) , Diehls Pauline, Grittches Marie, Christians Marie.

Die Spinnstube

 

Der Begriff Spinnstube bezeichnet den ehemals weit verbreiteten Brauch, lange Winterabende gemeinsam, vor allem mit geselligen Handarbeiten zu verbringen.

Die Spinnstuben waren auch Treffpunkte der unverheirateten Frauen und Mädchen.  Üblicherweise traf sich ein Mädchenjahrgang, um für seine Aussteuer zu spinnen und andere Handarbeiten zu verrichten.

Die so so genannte ledige Jugend wurde meistens in drei Gruppen eingeteilt. Die jüngste Gruppe wurde etwas abfällig die „Hitzelsknoaire“ genannt. Die Bedeutung des Wortes ist unbekannt. Die mittlere Gruppe ging bei den Mädchen eine Woche lang reihum.

Mittlere und ältere Gruppen hatten meist feste „Spinnstubenherbergseltern“. Gegen ein geringes Entgelt stellten sie den Spinnstubengängern den ganzen Winter über die „Spinnstube“ zur Verfügung.

Brauch war es auch, dass die Herbergseltern zur „Langen Nacht“ (Wintersonnenwende 21. Dezember) und an Weihnachten ein Extrageschenk bekamen.

In dieser „Langen Nacht“ wurde meist auch noch kräftig gefeiert. Spinnrad und Strickzeug blieben zu Haus, es kam ein Fässchen auf den Tisch und es wurde zu den Klängen der  Zäiorchen  (Ziehharmonika) getanzt und gelacht.

 

Die Zusammenkunft der Frauen und Mädchen wussten natürlich auch die Burschen des Dorfes zu Nutzen.  So war es üblich, dass die Burschen die Mädchen am Ende des Abends besuchten und nach Hause begleiteten. Das war eine der wenigen Gelegenheiten, wo es möglich war, halbwegs unbeobachtet eine Beziehung anzubahnen.

 

Ab dem 16. Jahrhundert wurden die Spinnstuben sogar als Orte sexueller Ausschweifungen bezeichnet. Die Spinnstuben dienten nämlich nicht nur dem Broterwerb, sondern waren Nachrichtenbörsen und kritisches Forum sowie Ort für jugendliche Sexualkultur und feuchtfröhliche Ausgelassenheit.

Wegen der dabei vorkommenden Ausschreitungen in sittlicher Beziehung wurde eine „Spinnstubenordnungen“ erlassen, die Dauer und Zeit des Beisammenseins regelten. Im ehemaligen Kurhessen, also  auch in Bobenhausen, wurden bereits 1726 die Spinnstuben gänzlich verboten.

Der Autor des Heimatbuches "Bobenhausen" Hans-Heinrich Zimmermann mit Frau beim -Hemmen.

Hemmen, ein Hochzeitsbrauch.

 

Kam das Brautpaar aus der Kirche, wurde es dann auf dem Nachhauseweg von diversen Seilen, die über den Weg gespannt waren, gehemmt.

Früher machten das die Burschen, später dann auch die Kinder des Dorfes. Das Brutpaar musste sich mit einer kleinen Geldspende in Form von Münzen, freikaufen. Dann erst wurden die Seile herabgelassen und die Jungvermählten konnten weiterziehen.

Posaunenchor Bobenhausen

          Ostern.

 

Beim läuten der Osterglocken ging man das Osterwasser holen. Dabei durfte nicht geredet werden. Geschöpft musste gegen den Strom werden. Das Wasser, besonders wenn es in geschlossenen Behältern aufbewahrt wurde, hielt sich sehr lange frisch.

Man gebrauchte es für allerhand Zwecke, insbesondere für Gebrechen aller Art, denn man sah es als besonders heilkräftig an. Im Verbund mit Froschaugen soll es gegen Fremdkörper im Auge geholfen haben.

Der Posaunenchor weckte beim Osterläuten Entschlafenen auf dem Friedhof und dann die Bewohner des Dorfes.

Die Kinder suchten im Garten in ihren Moosgärtchen ihre Eier und besuchten dann Petter und Gote um ihren Hasen (Ostergeschenk) abzuholen.

Sonntags nachmittags wurde dann noch ein Eierwerfen veranstaltet bei dem es darum ging, wer die Eier am höchsten werfen konnte.

        Fruchtbarkeitstanz

 

In ganz alter Zeit gab es in Bobenhausen einen sehr besonderen „Tanz“.

Dazu gingen die Frauen in je einer Ecke eines Raumes in die Hocke. Dann zogen sie den Zipfel ihres Kleides zwischen den Beinen hoch und hüpften in die gegenüberliegende Ecke. Dabei mussten sie folgenden Reim singen:

 

„Drei lärrern Strimp, en zwa dezau get fümp, drei lärrern Strimp, en wann mer oan verliere, dann hu mer nur noch viere, drei lärrern Strimp“.

 

Der Reim musste allerdings genau beim erreichen der gegenüberliegenden Raumecke zu Ende gesungen sein. Dieser Tanz wurde nur von Frauen getanzt.

Es war ein Fruchtbarkeitstanz, den man bis in den Mittelmeerraum zurückverfolgen kann. Er dürfte dem Balztanz des Kiebitzes nachempfunden sein.

Bobenhausen II - Kirche - Altar Foto aus "Commons Wikimedia"

                      

                 Aus den Wochen gehen.

 

Ein schöner alter Brauch, der heute leider vergessen ist.

 

Für Gottes gnädige Bewahrung in den Zeiten der Schwangerschaft und Niederkunft gingen die jungen Mütter zunächst in die Kirche.

Dort brachten sie bei einem Altarumgang ein Dankesopfer dar.

Dies war auch der erste Gang außer Haus.

Frühschoppen zum "Pirreschmad" vor dem Gasthaus "Bär"

Der Petrimarkt - De Pirreschmad

 

Am 2. Freitag im März ist der Perimarkt das erste Dorffest im Jahr. Dieses schon sehr alte Fest der Bobenhäuser fand früher auf dem alten Marktplatz statt, der sich an der Unter-Seibertenröder-Strasse befand.

Der Markt wurde von der Gemeinde Bobenhausen II bis zum Jahr 1950 abgehalten. Seit 1951 veranstaltet die Feuerwehr Bobenhausen II den Petrimarkt und seit 1998 auch in der Bobenhäuser Mehrzweckhalle.

Der Petrimarkt, im Volksmund „Pirreschmad“ genannt und auch als "Nationalfeiertag" bezeichnet, dauerte früher 3 Tage und später nur noch 2 Tage.

Einen Tag vor Beginn wurde der Markt durch einen Tambour „angetrommelt“ und  einen Tag danach „abgetrommelt“. Dem Trommler folgten viele Kinder auf seinem Weg durch das Dorf.

 

Viehauftrieb zum Bobenhäuser Pirreschmad

Am 1. Tag war ein Viehmarkt auf dem die Bauern aus der Umgegend ihre Kühe anboten. Am 2. Tag wurden dann Schweine, Ferkel und allerlei Getier zum Kauf präsentiert.

Auf dem Markt hatten Krämer ihre Stände aufgebaut und boten ihre Waren feil. Vom Nachttopf über Kochlöffel bis hin zum Kirmeskleid, man  konnte hier alles bekommen.

Man lud seine Verwandtschaft ein, um beim Kaffeeplausch alte Freundschaften zu stärken und zu erhalten. Abends ging es dann zum Tanz in Saal im Gasthaus „Bär“.

Personen v.links: Karlheinz Hermann, Erhard Hess, Jürgen Frank, Erbesbär Manfred Seidel, Werner Stein und Werner Reichold.

Fastnacht und Erbesbär

 

Mit dem heutigen Rummel hatte die Fastnacht in alter Zeit nichts zu tun. Der damalige Sinn war das Austreiben des Winters.  

Dazu trafen sich die Burschen des Dorfes und bestimmten einen aus ihrer Mitte, der den so genannten „Erbesbären“ darstellen musste. Dazu wickelte man den Burschen mit

Erbesstroh (Stroh der Futtererbse) ein. Die Gruppe führte ihn dann durch das Dorf.

 

Ursprünglicher Inhalt dieser Stroh-vermummungsbräuche, es gab auch einen „Strohbären“,  ist der Heischeumgang.  Dies ist ein Brauch, bei dem es um das Fordern oder Erbitten von Gaben geht. Dabei spielte innerhalb einer Heischegruppe die Strohfigur die wichtigste Rolle und der Darsteller im Stroh bekam von den gesammelten Gaben (Eier, Wurst, Speck) einen höheren Anteil als der Rest der Gruppe.

 

In Bobenhausen steuerte man zum einsammeln der Gaben besonders in die Häuser von heiratsfähigen Mädchen an. Am Ortsende wurde der Bursche dann ausgewickelt und das Stroh, sinngemäß für den vergangenen Winter, verbrannt. Genüsslich wurden dazu die eingesammelten Gaben verspeist.

Der Brotaufstrich „Hoink“

 

In früherer Zeit musste man im Gegensatz zu Heute, noch sehr sparsam wirtschaften. So kam es wohl, das der „Hoink“ der alltägliche Brotaufstrich wurde. Zuviel durfte man davon nicht essen, sonst bekam man angeblich „schebbe Absätz“.

In der Herbstzeit, wenn das Obst reif war, kamen die Nachbarinnen abwechselnd zusammen. Dann wurden meist Birnen geschält und entkernt, die Zwetschgen entsteint und oft wurde auch noch Zuckerrübensaft dazu gegeben. Das alles wurde im Kessel zu einem dicken Mus gekocht.

Wurden nur Zuckerrüben verwendet, so wurden diese geschrubbt, gesäubert, geschnitzelt, vorgekocht und dann gekeltert.

Es war eine lange und mühselige Kocherei im holzbefeuerten Wurstkessel, die oft die halbe Nacht dauerte. Es musste, damit der Mus am Kesselboden nicht anbrennen konnte, ununterbrochen und ohne Pause gerührt werden. Dabei wechselte man sich ständig ab und nach vielen Stunden wurde dann aus dem Brei der „Hoink“.

Wurde der Brei aus nur aus Zuckerrüben hergestellt, so nannte man den nach dem kochen entstandenen Sirup „Scheeselack“ (Scheese ist eine leichte Pferdekutsche) oder auch „Hemblefter“ (dürfte soviel wie "Hemd anheben" bedeuten?).

Die angefallenen großen Mengen an Zwetschgensteinen wurden oft dazu verwendet, Pärchen einen Weg zu streuen, damit jeder im Dorf sehen konnte, wer es gerade mit wem hat.

Die „Lange Nacht“

 

Ganz früher ging der Bauer zur Wintersonnenwende am 21. Dezember, also zur „Langen Nacht“, durch Scheune und Stall, spendierte oft seinen Tieren ein Stück Brot, sprach im Garten mit den Bäumen und band ihnen ein Strohseil um.

Auch fand an diesem Tag, oft auch am Martinstag (11. November), der traditionelle Gesindewechsel statt. Zur Bewirtschaftung eines Bauernhofes wurden neben mithelfenden Familienangehörigen auch Knechte und Mägde als Fremdarbeitskräfte benötigt, die als so genanntes Gesinde mit im Haushalt des Bauern lebten.

Geregelt wurde das Zusammenleben durch eine „Gesindeordnung“. Diese sollten die meist jungen Leute zu „Fleiß, Treue, Gehorsam und Bescheidenheit“ diziplinieren.  So waren körperliche Züchtigungen durch den Dienstherrn erlaubt, „Entlaufen aus dem Dienst“ oder Diebstähle wurden mit schweren Strafen bedroht.

Knechte und Mägde wurden meist für nur ein Jahr eingestellt und wechselten an dem Tag der „Langen Nacht“ die Dienstherrschaft. Die Vorbereitung zur Abreise nannte man hier im Vogelsberg "schörzen“ (aufheben, zusammenraffen)  und die Truhe, die ihre wenigen Habseligkeiten aufnahm, nannte man „Schörzkasten“. An der Innenseite des Truhendeckels waren oft Drucke, Bilder oder Bilderbögen eingeklebt. Diese „Kistenbilder“ boten den Knechten und Mägden ein bescheidenes Stück Privatheit im Haushalt ihres Arbeitgebers.

 

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© Werner Roth