Jüdische Gemeinde in Bobenhausen 2

 

Das Bild zeigt die ehem. Synagoge in der Hoherodskopfstrasse 37.

Der traufständige Bau zwischen der Hauptstrasse und dem Gilgbach ist verkleidet und stark verändert. Im Haus waren die Synagoge und die Wohnung des Vorbeters untergebracht.

Eine Mikwe (Tauchbad) soll vom Burgloh durch eine hölzerne Rohrleitung mit frischem Wasser versorgt worden sein.

 

 

 

 

 

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde.

    
In Bobenhausen II bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. 1770 gab es fünf jüdische Familien am Ort.

 

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1828 44 jüdische Einwohner, 1861 58 (9,5 % von insgesamt 612 Einwohnern), 1880 61 (10,0 % von 608), 1900 54 (10,5 % von 516), 1910 48 (8,7 % von 550). Die jüdischen Familienvorstände waren als Viehhändler und Kaufleute tätig.      
  
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Religionsschule), ein rituelles Bad (im Gebäude der Synagoge) und ein Friedhof. Die Gemeinde gehörte zum Liberalen Provinzialrabbinat Oberhessen mit Sitz in Gießen. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war, gemeinsam mit Ulrichstein (so ein Dokument von 1857), ein jüdischer Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war.  
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Ludwig (Louis) Hermann (geb. 7.9.1894 in Bobenhausen, gef. 12.1.1915). Sein Name steht auf dem Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege an der Kirche in Bobenhausen II.             
  
Um 1924, als zur Gemeinde noch 25 Personen gehörten (4,6 % von insgesamt 544 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Max Katz II, Moses Hermann und Isaak Katz I. Als Rechner der Gemeinde wird H. Reiß genannt. 1932 waren die Gemeindevorsteher Max Katz (1. Vors.), Levy (2. Vors.) und Moritz Aaron (3. Vors.).


1933 lebten noch 31 jüdische Personen in Bobenhausen (in 12 Familien, 5,6 % von insgesamt 536 Einwohnern). In den folgenden Jahren sind fast alle von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (mehrere in die USA, darunter der Gemeindevorsitzende Max Katz, andere nach Palästina/Israel). 1939 wurden noch vier jüdische Einwohner gezählt. Diese - es handelt sich um die Familie Sally Joseph mit seiner Frau Paula geb. Aaron, der Tochter Lydia und dem Sohn Helmut - sind 1942 von Bobenhausen aus über Darmstadt nach Treblinka (vermutl.) deportiert und ermordet worden (vgl. Todesanzeige von 1945 unten).  
 

Von den in Bobenhausen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Liebmann Aaron (1864), Louis Aaron (1897), Rosalie (Rosa) Berney geb. Katz (1878), Jenny Gottlieb geb. Katz (1883), Rosalie Hahn (1877), Selma Hirsch geb. Katz (1876), Hellmut Jakob Joseph (1923), Lydia Joseph (1925), Paula Joseph geb. Aaron (1898), Sally Joseph (1893), Regina Katz (1868), Else Kugelmann geb. Katz (1894), Amalie Levi geb. Katz (1875), Betti (Betty) Reiss (1902), Hermann Reiss (1868), Nanny Simon geb. Katz (1882), Bertha Sternheim geb. Reiss (1872), Jetta Vogelsang geb. Hahn (1873).     


Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer/Vorbeter  
Ausschreibungen der Stelle eines Vorbeters zu den Hohen Feiertagen (1900 / 1901)   

Bobenhausen II Israelit 16081900.jpg (34312 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August 1900
"Die israelitische Religionsgemeinde Bobenhausen II, Oberhessen, sucht auf Rosch-Haschono und Jom-Kippur einen guten Vorbeter
Bewerber wollen sich melden bei dem Vorsteher 
Hermann." 
 
 
Bobenhausen II Israelit 08081901.jpg (36693 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. August 1901
"Die Israelitische Religionsgemeinde Bobenhausen II, Oberhessen, sucht auf Rosch-Haschono und Jom Kippur einen Vorbeter
Honorar nach Übereinkunft. Kost und Logis frei. 

Der Vorstand: 
Hermann
."     

     
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Spendenaufruf für notleidende Familie (1867)  

Bobenhausen II Israelit 30011867.jpg (112427 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Januar 1867: "Bitte um milde Beiträge zur Unterstützung einer notleidenden israelitischen Familie in Bobenhausen bei Ulrichstein (Vogelsberg). 
Die beiden Eltern von sechs fast noch unmündigen Kindern, wovon eins geisteskrank, welche sich früher redlich ernährten, sind schon seit längerer Zeit an das Krankenbett gefesselt, wodurch ihre Verdienste total geschwunden und grenzenloses Elend eingetreten. Es ist ein bejammernswerter Anblick, diese sechs Kinder an dem Lager ihrer schwer erkrankten Eltern in ihrer Not sitzen zu sehen. Obwohl die unermüdliche Tätigkeit der ortsangehörigen Israeliten lobenswürdig ist, so ist es denselben doch nicht möglich, die Not der wahrhaft unglücklichen Familie ganz zu stillen. Es ergeht daher die Bitte an unsere israelitischen Mitbürger um baldige Hilfe für diese arme Familie. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Ulrichstein ist bereit, Gaben in Empfang zu nehmen und wird seinerzeit Rechenschaft darüber ablegen.   Die Gaben können auch an mich gesegnet werden; ich bin ebenfalls bereit, solche aufs Beste zu besorgen. 
Moses Fröhlich, Rechner."  

    
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
Über Alfred Reiss 

Arnsberg s.Lit. Bd. I S. 84: "Alfred Reiss, geboren 1900 in Bobenhausen (b. Schotten), war bis zum Jahre 1933 als Lehrer an verschiedenen Schulen in Darmstadt tätig, dann von 1933 bis 1939 am Philanthropin in Frankfurt am Main. Im Januar 1939 wanderte er nach Palästina aus."

   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen   
Nach der Deportation: Todesanzeige für die in Theresienstadt umgekommenen Liebmann Aaron und Katinka Aaron geb. Stern (1945)  

Anmerkung: der genannte Louis Aaron wurde im September 1942 von Darmstadt nach Treblinka deportiert und ist umgekommen; die genannten Sally Joseph und Paula Joseph geb. Aaron wurden gleichfalls im September 1942 von Darmstadt nach Treblinka deportiert und sind umgekommen. Katinka Aaron geb. Stern steht aus nicht im Gedenkbuch des Bundesarchives.    

Bobenhausen Aufbau 02111945.jpg (38419 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Aufbau" vom 2. November 1945: 
"Erst jetzt erhielten wir die traurige Nachricht, dass unsere lieben Eltern, Schwiegereltern, Großeltern, Bruder und Schwester, Schwager und Schwägerin, Onkel und Tante, 
Frau Katinka Aaron geb. Stern und Herr Liebmann Aaron (früher Bobenhausen - Giessen) 
1943-44 in Theresienstadt verstorben sind. 
Die trauernden Hinterbliebenen: 
Moritz Aaron & Frau Jenny geb. Oppenheimer  
Frances Aaron 1770 Davidson Ave. Bronx, N.Y.  
Sally Joseph & Frau Paula geb. Aaron und Kinder, Aufenthalt unbekannt  
Louis Aaron, Aufenthalt unbekannt  Leopold Aaron, 154 Sutter St. 
Moses Aaron San Francisco, Calif.  
Adolf Stern, 894 Riverside Drive, New York City."   

   
Nach der Emigration: Hochzeitsanzeige von Marianne geb. Katz und Walter Mildenberg (Uruguay / USA 1949)    

Anzeige in der Zeitschrift "Der Aufbau" vom  22. April 1949: 
"Mr. and Mrs. Jacob Katz - Mr. and Mrs. Sol Mildenberg announce the engagement of their children 
Marianne and Walter. 
Passover 5709 (April 13, 1949). 
San Salvador 2122, Apt. 4  Montevideo, Uruguay (formerly Bobenhausen, Oberhessen) - 
315 Lincoln Place  Brooklyn 17, New York (formerly Voehl, Edersee).  
    

    

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© Werner Roth